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Thrombozytenaggregationshemmer

Thrombozyten sind zentrale Bestandteile der primären Hämostase. Nach einer Gefäßverletzung haften sie an der subendothelialen Matrix, werden aktiviert, setzen Mediatoren frei und verbinden sich zum Thrombozytenpfropf. Derselbe Prozess kann nach Ruptur einer atherosklerotischen Plaque einen arteriellen Thrombus erzeugen; mehrere seiner Schritte sind daher wichtige pharmakologische Angriffspunkte.

Lernziel: Adhäsion, Aktivierung und Aggregation unterscheiden und verstehen, an welchen Signalwegen die wichtigsten Thrombozytenaggregationshemmer angreifen.

Wichtige Eigenschaften der Thrombozyten

  • Thrombozyten sind etwa 2–4 µm große, kernlose Zellfragmente, die aus Megakaryozyten des Knochenmarks hervorgehen.
  • Der übliche Referenzbereich liegt ungefähr bei 150–400 × 109/l. Unterhalb von 150 × 109/l spricht man von einer Thrombozytopenie; das Blutungsrisiko hängt jedoch nicht allein von der Zellzahl ab.
  • Ihre mittlere Lebensdauer beträgt etwa 7–10 Tage. Ein gesunder Erwachsener bildet ungefähr 1011 Thrombozyten pro Tag.
  • Da ihnen ein Zellkern fehlt, können sie keine neue Gentranskription einleiten. Sie enthalten jedoch von Megakaryozyten übernommene mRNA und Ribosomen und besitzen deshalb eine begrenzte Fähigkeit zur Proteinsynthese.

Schritte der primären Hämostase

1. Adhäsion

Eine Gefäßverletzung legt subendotheliales Kollagen frei. Bei hoher Scherbelastung unterstützt die Bindung zwischen kollagengebundenem von-Willebrand-Faktor (vWF) und dem thrombozytären GPIb–IX–V-Komplex das erste Anheften. Die stabilere Kollagenadhäsion wird vor allem durch den GPVI-Rezeptor und das α2β1-Integrin, früher GPIa/IIa genannt, vermittelt.

Bei arteriellen Thrombosen dominieren hohe Scherkräfte und Thrombozyten. Venöse Stase begünstigt dagegen vor allem die Aktivierung des Gerinnungssystems; der Mechanismus der Venenthrombose ist daher nicht mit der Thrombozytenadhäsion nach einer Gefäßverletzung gleichzusetzen.

2. Aktivierung und Sekretion

Adhäsion und Agonistensignale bewirken Formveränderung, Granulasekretion, Ausbildung einer prokoagulatorischen Oberfläche und einen Anstieg des zytosolischen Ca2+.

QuelleWichtige BestandteileFunktion
Dichte (δ-)GranulaADP, ATP, Ca2+, SerotoninRekrutierung weiterer Thrombozyten, Signalübertragung und lokale Vasokonstriktion.
α-GranulaFibrinogen, vWF, Faktor V, P-Selektin und zahlreiche WachstumsfaktorenAdhäsion, Aggregation, Gerinnung, Entzündungszellinteraktionen und Gewebereparatur.
Aus Membranphospholipiden gebildeter MediatorThromboxan A2 (TXA2)Entsteht aus Arachidonsäure mithilfe von COX-1 und Thromboxansynthase; es ist kein vorab gespeicherter Granulainhalt.

3. Aggregation

Das thrombozytäre αIIbβ3-Integrin (GPIIb/IIIa) liegt auf ruhenden Thrombozyten bereits als Heterodimer vor, jedoch in einer Konformation mit niedriger Ligandenaffinität. Die Inside-out-Signalübertragung führt zu einer Konformationsänderung, sodass Fibrinogen und vWF hochaffin gebunden werden können. Fibrinogenbrücken verbinden anschließend aktivierte Thrombozyten miteinander.

Merke: GPIIb/IIIa entsteht bei der Aktivierung nicht durch Dimerisierung zweier getrennter Monomere. Es ist ein bereits vorhandenes αIIbβ3-Heterodimer, dessen Konformation, Membranverteilung und Ligandenbindung sich bei Aktivierung verändern.

Wichtige Signalwege der Thrombozytenaktivierung

Agonist oder inhibitorischer MediatorRezeptorSignalwegHauptwirkung
ADPP2Y1GqCa2+-Signal und Formveränderung; Beginn der Aggregation.
ADPP2Y12GiHemmung der Adenylylcyclase, Senkung von cAMP und Stabilisierung der Aggregation.
TXA2TPvor allem Gq und G12/13Aktivierung, Sekretion, Aggregation und Vasokonstriktion.
ThrombinPAR-1, PAR-4mehrere G-Protein-SignalwegeStarke Thrombozytenaktivierung.
Prostacyclin (PGI2)IPGscAMP-Anstieg, Thrombozytenhemmung und Vasodilatation.
NOLösliche GuanylylcyclasecGMP-AnstiegThrombozytenhemmung und Vasodilatation.

Im Allgemeinen fördert ein Anstieg des zytosolischen Ca2+ die Thrombozytenaktivierung, während erhöhte cAMP- und cGMP-Spiegel hemmend wirken. Der Prozess umfasst jedoch mehrere miteinander verknüpfte Kinasen, Phosphatasen, Ionentransportmechanismen und Veränderungen des Zytoskeletts und kann nicht auf eine einzelne „cAMP-abhängige Calciumpumpe“ reduziert werden.

Pharmakologische Angriffspunkte

1. Irreversible COX-1-Hemmung: Acetylsalicylsäure

Thrombozyten bilden mithilfe von COX-1 und Thromboxansynthase aus Arachidonsäure TXA2. TXA2 ist sehr instabil und hydrolysiert rasch zum stabileren TXB2; zur Beurteilung der Thromboxanbildung werden daher häufig TXB2-Metaboliten gemessen.

Acetylsalicylsäure (ASS) acetyliert irreversibel einen Serinrest der COX-1. Niedrig dosierte ASS, üblicherweise 75–100 mg/Tag, unterdrückt deshalb anhaltend die TXA2-Bildung in den betroffenen Thrombozyten. Die Funktion erholt sich schrittweise mit der Neubildung von Thrombozyten.

Wichtige Präzisierung: ein magensaftresistenter Überzug ist für den thrombozytenhemmenden Mechanismus nicht erforderlich und kann die Resorption verzögern oder variabler machen. ASS kann im Pfortaderkreislauf eine erhebliche präsystemische Wirkung auf Thrombozyten ausüben und wird rasch zu Salicylat hydrolysiert. Daraus folgt jedoch nicht, dass niedrig dosierte ASS keine systemischen Wirkungen oder Nebenwirkungen besitzt. Blutungen und gastrointestinale Schäden bleiben klinisch relevante Risiken.

Die Hemmung der TXA2-Synthase oder des TP-Rezeptors ist pharmakologisch möglich; Substanzen wie Ridogrel und Ifetroban wurden jedoch nicht zu Bestandteilen der routinemäßigen Thrombozytenaggregationshemmung.

2. P2Y12-Rezeptorhemmer

Die P2Y12-Blockade unterbricht die ADP-vermittelte Gi-Signalübertragung. Dadurch bleibt die Aktivität der Adenylylcyclase erhalten, cAMP steigt und die Stabilisierung der αIIbβ3-Aktivierung nimmt ab.

WirkstoffBindung und AktivierungWichtige Besonderheit
ClopidogrelIrreversibel; ProdrugCYP2C19 ist für die Aktivierung wichtig. Omeprazol und Esomeprazol können die Exposition gegenüber dem aktiven Metaboliten vermindern; die Kombination sollte vermieden oder sorgfältig abgewogen werden.
PrasugrelIrreversibel; ProdrugRascher und besser vorhersagbarer Wirkungseintritt; Blutungsrisiko und Kontraindikationen sind besonders zu beachten.
TicagrelorReversibel und direkt wirksam; kein ProdrugRascher Wirkungseintritt und schnellere funktionelle Erholung als bei Thienopyridinen.
CangrelorReversibel, direkt und intravenösSehr rascher Wirkungseintritt und kurze Wirkdauer; Einsatz in ausgewählten PCI-Situationen.
TiclopidinIrreversibel; ProdrugÄlterer Wirkstoff, der wegen ungünstiger hämatologischer Sicherheit weitgehend ersetzt wurde.

Beim akuten Koronarsyndrom besteht die duale Thrombozytenaggregationshemmung (DAPT) üblicherweise aus ASS und einem P2Y12-Hemmer. Wahl und Dauer richten sich nach Ischämie- und Blutungsrisiko, Intervention und aktuellen Leitlinien.

3. Phosphodiesterasehemmer

Thrombozyten exprimieren unter anderem PDE2, PDE3 und PDE5. Die PDE-Hemmung vermindert den Abbau zyklischer Nukleotide und hemmt dadurch die Thrombozytenaktivierung.

  • Dipyridamol: hemmt Phosphodiesterasen und die zelluläre Aufnahme von Adenosin. Erhöhtes extrazelluläres Adenosin unterstützt über A2A-Rezeptoren den cAMP-Anstieg und die Vasodilatation. Eine retardierte Kombination mit ASS wird bei ausgewählten zerebrovaskulären Indikationen eingesetzt.
  • Cilostazol: wirkt hauptsächlich als PDE3-Hemmer und besitzt thrombozytenhemmende sowie vasodilatierende Wirkungen. Zulassung und Anwendung unterscheiden sich regional.

4. GPIIb/IIIa-Hemmer

Abciximab, Eptifibatid und Tirofiban hemmen den gemeinsamen Endweg der Aggregation, indem sie die Ligandenbindung an aktiviertes αIIbβ3 verhindern. Diese starken intravenösen Thrombozytenhemmer besitzen ein relevantes Blutungsrisiko und werden heute vorwiegend in ausgewählten PCI-Situationen oder bei thrombotischen Komplikationen statt routinemäßig eingesetzt.

5. Pharmakologie des Prostacyclin-Signalwegs

PGI2 erhöht über Gs-gekoppelte IP-Rezeptoren den cAMP-Spiegel, hemmt die Thrombozytenaktivierung und verursacht Vasodilatation. Iloprost ist ein stabiles Prostacyclinanalogon, das hauptsächlich bei pulmonalarterieller Hypertonie und in einigen Ländern bei schwerem Raynaud-Phänomen oder kritischer Extremitätenischämie eingesetzt wird. Es ist kein Standard-Thrombozytenaggregationshemmer der routinemäßigen arteriellen antithrombotischen Therapie.

6. PAR-1-Antagonist

Vorapaxar ist ein selektiver PAR-1-Antagonist, der die thrombinvermittelte Thrombozytenaktivierung hemmt. Obwohl die Rezeptorbindung reversibel ist, führt die sehr lange effektive Halbwertszeit zu einer lang anhaltenden Wirkung. Die Anwendung ist durch das erhebliche Blutungsrisiko begrenzt; bei früherem Schlaganfall, TIA oder intrakranieller Blutung ist Vorapaxar kontraindiziert und gehört in der Europäischen Union nicht zur Routineversorgung.

Zusammenfassung

WirkstoffgruppeZielstrukturFolge
ASSIrreversible Acetylierung von COX-1Verminderte TXA2-Synthese.
Clopidogrel, Prasugrel, Ticagrelor, CangrelorP2Y12Hemmung der ADP-vermittelten Stabilisierung der Aggregation.
Dipyridamol, CilostazolPDEs und teilweise AdenosintransportVerminderter cAMP-/cGMP-Abbau und verstärkte inhibitorische Signalübertragung.
Abciximab, Eptifibatid, TirofibanαIIbβ3 (GPIIb/IIIa)Hemmung der Fibrinogenbrücken als letztem Schritt der Aggregation.
VorapaxarPAR-1Partielle Hemmung der thrombinvermittelten Thrombozytenaktivierung.
Didaktischer Hinweis: die klinische Anwendung von Thrombozytenaggregationshemmern richtet sich stets nach Indikation, individueller Patientensituation und Blutungsrisiko. Dieses Lernmaterial erläutert pharmakologische Mechanismen und ist keine Anleitung für individuelle Therapieentscheidungen oder Arzneimittelanwendungen.

Fachliche Quellen

  1. Platelets and Their Role in Hemostasis and Thrombosis
  2. ESC 2023 Acute Coronary Syndromes – Essential Messages
  3. EMA: Produktinformation zu Clopidogrel
  4. EMA: Ticagrelor (Brilique)
  5. EMA: Produktinformation zu Prasugrel
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